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... habe ich über 20 Jahre gedacht. Weil ich von der Statur her eher ein Täter als ein Opfer zu sein scheine. Aber es hat genagt. Immer wieder. Du hast dich beschmutzt, du hast etwas verbotenes getan. Du hast (Mit)schuld. Du bist anders als andere. Das geht doch gar nicht. Der war doch gar nicht so viel älter. Du hast es doch gewollt! Hab ich das?

Es war der Nachbarsjunge. Ich war zwischen drei und vier Jahren alt, er war 3-4 Jahre älter als ich. Es sind nur zwei Situationen, an die ich mich erinnern kann, aber die kann ich auch heute noch erschreckend genau schildern. Einmal lag er auf seinem Bett, das anderen Mal geschah es in einem Lakenzelt in seinem Zimmer. So ein Zelt wie Kinder es gerne bauen, um sich darin zu verstecken und Abenteuer zu spielen. Er hat mir gesagt was ich tun soll... fass da an... beweg die Hand so und so... mach so weiter... schneller... langsamer... fester...

Uuii ist der groß, viel größer als mein Pipimann. Der fühlt sich aber toll an. Aber warum ist der so hart? Warum soll ich seinen Pipimann rubbeln? Und warum spritzt der jetzt weißes Zeug? Sieht schleimig aus. Igitt.

"Gib mir ein Taschentuch - und noch eins."

Ich fand das aufregend. Faszinierend. Endlich ließ mich der Große auch mal mitspielen.

Damals hatte ich enorm viel Glück, denn kurze Zeit später zogen wir in einen anderen Stadtteil um.

Was passiert war, habe ich erst viel später verstanden. Ich hatte es in mir vergraben. Hatte mir Selbstvorwürfe gemacht. Hatte die Sache verschwiegen. Mir selbst gegenüber und erst recht gegenüber dem Rest der Welt.

Dieses Erlebnis hat mein ganzes Leben beeinflusst. Mein Verhalten in der Schule, in der Ausbildung, im privaten und beruflichen Leben. Unausgesprochene und unerkannte Ängste. Angst Nähe und Vertrauen zuzulassen. Angst vor Zurückweisung. Mangelndes Selbstwertgefühl. Viele der Symptome die ich auf diesen Seiten wiedergefunden habe, kann ich in der Rückschau bei mir wiedererkennen. Dinge die ich erst heute erkenne und verstehe.

Ich bin heute 28 Jahre alt und meine Eltern hatten nie etwas davon erfahren. Das soll jetzt nicht falsch verstanden werden, ich liebe meine Eltern und meine Eltern lieben mich ebenso. Aber meine Eltern hatten mit dieser Sache nichts zu tun gehabt. Sie konnten nichts dagegen tun und nichts davon wissen, denn ich hatte diese Sache so tief in mir begraben, dass niemand etwas davon zu hören bekam. Bis zum letzten Weihnachten, als ich ihnen alles erzählte. Sie haben mir geglaubt, aber sie waren auch schwer geschockt - nicht jeden Tag offenbart der erwachsene Sohn, daß er als Kleinkind vom Nachbarsjungen zum Wichsen missbraucht wurde.

Es gibt jetzt kein Geheimnis mehr. Ich muss nichts mehr verbergen. Ich bin endlich frei!
Eine unvorstellbare Last ist von mir gefallen.

Dieser Teil meines Lebens verliert von Tag zu Tag mehr seine Macht über mich.

Eltern können so viele Dinge nicht sehen, wollen sie nicht sehen. Hoffen, dass ihrem Kind so etwas nie zustößt. Es passiert aber so vielen, wie Nicole, die mir in einem Zeltlager erzählte, dass ein fremder Mann ihr die Hand in ihr Höschen steckte ...

Es passiert - und es passiert täglich.

Wenn dir so etwas passiert ist: Erzähle es jemandem. Schweige es nicht tot! Wenn dir deine Eltern nicht glauben, geh zum Jugendamt. Man wird dir dort glauben und helfen. Wenn dir in deiner Familie etwas geschieht (geschehen ist) und deine Eltern dir tatsächlich nicht glauben, kann eine Trennung von der Familie nicht schlimmer sein, als damit leben zu müssen, womöglich weiterhin von wem auch immer missbraucht zu werden. Manchmal ist der Täter der Vater, der Stiefvater oder der eigene Bruder.

Dabei denke ich an Heike. Sie kam vor ca. 4 Wochen auf meine Wache. Mit blutverschmierten Unterarmen. Sie hatte versucht sich die Pulsadern aufzuschneiden.

Im Krankenhaus hatte ich die Möglichkeit mit ihr zu sprechen. Wir haben lange geredet. Ihr Bruder hat sie über Jahre hinweg missbraucht und ihre Eltern haben ihr nicht geglaubt. Als das Jugendamt sie in einem Heim unterbrachte, haben die Eltern auf sie eingewirkt, sie solle zurückkommen. ... Sie ist zurückgekommen - und daran kaputtgegangen. Sie konnte es nicht mehr ertragen. Das Ergebnis war ein weiterer Selbstmordversuch. Einer von vielen.

Ich habe versucht ihr nahe zu bringen, dass sie damit den Falschen bestraft. Sie hat die Schandtat nicht begangen. Sie sollte sich nicht dafür bestrafen. Leider bin ich für solche Sachen nicht ausgebildet. Ich habe ihr geraten mit den Fachleuten in der Psychiatrie zu reden. Denn die können ihr wirklich helfen. Helfen die tiefen seelischen Wunden zu heilen. Seelenwunden sind schwerer zu heilen als eine Schramme, da reicht kein Pflaster und etwas "Heile, heile Gänschen...".

Psychiatrie / Psychiater klingt schrecklich, aber mit einem Beinbruch geht man ja auch zu einem Chirurgen und nicht zum Ohrenarzt. Psychiater sind Fachleute für die Psyche, die Seele. Dafür sind die ausgebildet. Ich konnte ihr nur zuhören und meine Gedanken und Gefühle äußern.
Ich habe ihr auch geraten ihre Familie vorerst zu verlassen und wieder im Heim zu leben. Sie kann sicher besser alleine leben (sie wird in sieben Monaten volljährig und kann dann ohnehin selbst über ihr Leben entscheiden), als weiter unter solchem Druck zu stehen. Und hierbei würde ihr das Jugendamt auch dieses mal helfen. Ich hoffe, dass Heike ihren Weg findet.

Wenn es mir schlecht geht und ich nicht weiter weiß, gehe ich in den Wald oder an den Fluß. Auf jeden Fall raus in die Natur. Wenn ich dann so dasitze auf einer nicht so leicht auffindbaren Waldlichtung oder einer uneinsehbaren Stelle am Flussufer, lasse ich meine Seele baumeln und denke über alles nach. Und wenn ich dann ein Eichhörnchen sehe, oder einfach nur die ungestörte Natur genieße, freue ich mich am Leben zu sein. Das Leben ist schön. Unglaublich schön. Das solltest du dir von niemandem zerstören lassen.

Wenn dir deine Situation ausweglos erscheint und das Leben nicht mehr lebenswert, rede mit jemandem, z.B. einem Jugendarbeiter/in vom Jugendamt! (Das hat den Vorteil, daß solche Jugendarbeiter für dich anonym sind. Sie gehören nicht zu deinem normalen Lebensbereich und es ist leichter einem Fremden das Herz auszuschütten.) Gib nie auf! Es wird weitergehen. Und du wirst wieder schöne Tage erleben! Vielleicht nicht heute und nicht morgen, aber vielleicht in einem Jahr ...

Vertraue auf deine Kraft! Gib nie auf!




            Zwei Gefangene schauen in die Ferne,
            der eine sah nur Schmutz, der andere die Sterne.





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