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Sexueller Missbrauch in der Familie
(Quelle: Gegen den sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen.
Ein Ratgeber für Mütter und Väter, herausgegeben von der AJS)
Doch nicht bei uns...
So unfassbar es scheint, für viele Mädchen und Jungen ist es Wirklichkeit:
Sie werden vom Vater, vom Grossvater, Onkel, Bruder, vom guten Freund, der
“praktisch zur Familie” gehört, manchmal von der Mutter oder Tante sexuell
missbraucht, von Menschen, denen sie vertrauen, die sie lieben, von denen sie
existentiell abhängig sind. Dort, wo sie ganz besonders Geborgenheit und
Sicherheit erhalten sollten, in den eigenen vier Wänden, in ihrem Kinderzimmer,
im Bad oder im Bett sind sie der Gewalt ausgeliefert.
Für viele betroffene Mädchen und Jungen beginnt der sexuelle Missbrauch durch
Familienangehörige besonders früh, manchmal schon im Säuglings- und
Kleinkindesalter. Der Täter versteckt die Übergriffe oft im Spiel, in der Pflege
oder in körperlichen Untersuchungen. Er fädelt solche “Spiele” so raffiniert
ein, dass das Kind vollkommen verwirrt ist, an der eigenen Wahrnehmung zweifelt
und schweigend leidet.
Gerade ein Familienangehöriger hat viele Möglichkeiten, sich das Schweigen
des Mädchens oder Jungen zu sichern, indem er die Liebe und Abhängigkeit
ausnutzt. Er kennt alle Vorlieben, Schwächen und Bedürfnisse des Kindes und kann
es damit erpressen. Zum Beispiel: “Wenn du was sagst, komme ich ins
Gefängnis, deine Geschwister und du, ihr kommt ins Heim, dann müssen wie deinen
Hund einschläfern lassen, die Mama ist allein und hat kein Geld und du bist
schuld!”
Diese Vorstellung ist unerträglich für ein Kind und so suchen Mädchen und
Jungen oft die Schuld bei sich selbst oder glauben gezwungenermassen den
Ausreden der Täter. Hinzu kommt, dass sie sich verantwortlich fühlen für den
Zusammenhalt der Familie, das Wohlergehen der Eltern und Geschwister, eine
erträgliche Atmosphäre in der Familie. Sie schweigen, weil sie glauben, es sei
ihre Schuld, wenn die Familie auseinanderbricht. Viele ertragen den sexuellen
Missbrauch auch, weil sie hoffen, damit jüngere Geschwister vor sexuellen
Übergriffen zu schützen.
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Liebe Mütter,
vielleicht sagen Sie jetzt ganz spontan:
“Und die Mutter? Die muss doch wissen, wenn sowas in der
Familie passiert. Ich würde es jedenfalls sofort merken.”
Schnell gesagt, aber versetzen wir uns einmal in die Lage einer Mutter,
deren Mann das eigene Kind missbraucht: Der Täter weiss, dass es für
ihn gefährlich wird, wenn sich das Mädchen oder der Junge der Mutter
anvertraut. Also versucht er systematisch, einen Keil zwischen Mutter und
Kind zu treiben, indem er beispielsweise sagt:
“Die Mama hat dich nicht lieb, du hast nur mich. Sie wird
dir sehr böse sein, wenn du was sagst. Sie glaubt dir nicht oder denkt,
du bist schlecht und verlogen.” Oder:
“Die Mama wird sehr traurig sein, wenn sie das erfährt.
Sie wird weinen, vielleicht wird sie krank und stirbt.”
Also versucht das Kind, die Mutter nichts merken zu lassen, um ihr
Kummer zu ersparen. Vielleicht spürt sie, dass mit der Tochter oder dem
Sohn etwas nicht stimmt, dass sie/er bedrückt ist, sich vor ihr
verschliesst. Aber die Möglichkeit eines sexuellen Missbrauchs--gar in der
eigenen Familie--kommt ihr nicht in den Sinn. Mag sein, das Kind ist in
einer Trotzphase, hat Entwicklungsstörungen, so erklärt sie sich dieses
Verhalten. Wer denkt schon daran, dass ein geliebter und vertrauter
Mensch, den man in- und auswendig zu kennen glaubt, dem Kind so etwas
Schreckliches antut?
Selbst wenn Mütter den Missbrauch erahnen oder davon erfahren, ist der
Gedanke so unfassbar, dass sie es oft nicht glauben können. Eine Mutter in
dieser Situation befindet sich in einem Schockzustand, sie ist im höchsten
Grade verletzt und betrogen. Sie braucht sehr viel Unterstützung und
Rückenstärkung, um diese Kränkung zu überwinden und der Verantwortung, die
sie für ihr Kind hat, gerecht zu werden.
Die Tatsache, dass man als Mutter vielleicht nicht merkt, wenn ein
Familienangehöriger missbraucht, macht unsicher. Am liebsten möchte man
sofort sagen: “Ach Unsinn, bei uns kommt sowas jedenfalls nicht
vor!” Oft stimmt das auch, aber es kann auch anders sein. Das
heisst nicht, dass Sie als Mutter jetzt ständig ihrem Mann, Vater oder
Bruder Misstrauen entgegenbringen müssten. Vertrauen ist in einer Familie,
in einer Partnerschaft unentbehrlich.
Aber vertrauen Sie auch sich selbst, folgen Sie Ihrem Gefühl, wenn Sie
glauben, irgendetwas stimmt nicht. Lassen Sie sich von niemandem Ihre
eigene Wahrnehmung ausreden, glauben Sie nicht blind demjenigen, der Ihnen
vielleicht sagt, Sie seien hysterisch, Sie bildeten sich etwas ein. Wenn
der vertrauensvolle Kontakt zu Ihrem Kind sich so verschlechtert, dass Sie
sich dabei unwohl fühlen, muss die Ursache nicht ein sexueller Missbrauch
sein, vielleicht hat Ihr Kind auch anderen Kummer.
Wenden Sie sich an eine Beratungsstelle, sprechen Sie darüber, Sie
haben ein Recht auf Unterstützung und Hilfe. |
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Liebe Väter,
vielleicht fühlen Sie sich als Vater in der Auseinandersetzung mit der
Problematik des sexuellen Missbrauchs unwohl, regelrecht angegriffen oder
fürchten, von Frauen in Ihrer Umgebung argwöhnisch beobachtet zu werden.
Mag sein, Sie sind auch unsicher, wie Sie mit Mädchen und Jungen umgehen
sollen. Viele Väter werden sich fragen:
“Darf ich genau wie bisher mit meiner Tochter
baden?!” “Ist es richtig, mit meinem kleinen Sohn zu
schmusen?!” “Wird es am Ende falsch verstanden, wenn ich mich
viel mit meinen Kindern beschäftige?!”
Diese Unsicherheiten sind verständlich, sie sollten allerdings nicht
dazu führen, dass Väter den liebevollen und fürsorglichen Kontakt mit
ihren Töchtern und Söhnen einschränken oder sich gar aus der Erziehung der
Kinder heraushalten. Oft wirken sich solche Unsicherheiten sogar sehr
positiv aus, weil sie zu einer aktiven Auseinandersetzung mit dem Problem
führen.
Es ist wichtig und richtig, dass Sie sich von der Geburt Ihres Kindes
an genauso wie die Mutter an der Pflege und Fürsorge beteiligen und es mit
väterlicher Zärtlichkeit und Liebe umsorgen. Ja, schon vor der Geburt
sollten Sie sich aktiv auf Ihre Rolle als Vater vorbereiten. Abgesehen
davon, dass die Beschäftigung mit Kindern eine Bereicherung ist, lernen
Sie so die Bedürfnisse und Befindlichkeiten Ihrer Töchter und Söhne von
Anfang an richtig kennen. Dies hilft Ihnen auch zu erkennen und damit
umzugehen, wenn Ihr Kind Opfer sexuellen Missbrauchs geworden ist.
Im Körperkontakt mit einem Mädchen oder Jungen gilt für Sie als Vater
das gleiche wie für alle Erwachsenen: Achten Sie genau auf Ihre eigenen
Empfindungen und auf die Reaktionen des Kindes. Das heisst:
Wenn es Ihnen beispielsweise komisch ist, mit Ihrer Tochter oder Ihrem
Sohn zu baden, weil Sie sexuelle Gefühle befürchten oder spüren, sollten
Sie für sich selbst und damit auch für Ihr Kind die Grenze ziehen.
Die Verantwortung liegt bei Ihnen.
Falls Sie schon einmal die Erfahrung gemacht haben, sich zu Kindern
sexuell hingezogen zu fühlen, können und müssen Sie verantwortlich
handeln. Sie sollten wissen, dass Sie Mädchen und Jungen mit solchen
Gefühlen auf jeden Fall schaden. In diesem Fall sollten Sie unbedingt
fachliche Hilfe bei einer Beratungsstelle einholen.
Auf die Reaktionen des Kindes achten, bedeutet: Akzeptieren Sie sofort,
wenn das Mädchen oder der Junge bei einem körperlichen Kontakt Unbehagen
oder Abwehr äussert. Viele Kinder tun dies nicht lautstark, sondern
zurückhaltend, denn sie wollen den Erwachsenen nicht vor den Kopf stossen.
Deshalb sollten Sie auch auf kleinste Zeichen, wie Abwenden, das Gesicht
verziehen, den Körper steif machen u.a. Rücksicht nehmen. Ihre Tochter
oder Ihr Sohn kann sich leichter äussern, wenn Sie von Anfang an ein
offenes, partnerschaftliches Verhältnis fördern, in dem das Kind alle
Gefühle zeigen kann, ohne befürchten zu müssen, dass Sie enttäuscht oder
ungehalten sind.
Für einen verantwortungsbewussten Vater ist es unerlässlich, dass er
seine Rolle als Mann überdenkt, indem er das Gespräch mit anderen Männern
und die aktive Auseinandersetzung mit Frauen sucht. Wenn Sie zudem die
Gefühlsäusserungen der Kinder akzeptieren--auch wenn dies manchmal
anstrengend ist--und ein gleichberechtigtes und partnerschaftliches
Verhältnis zu Frauen, Mädchen und Jungen, innerhalb und ausserhalb der
Familie pflegen, leisten Sie Ihren notwendigen Beitrag zur Vorbeugung
gegen sexuelle Gewalt. |
(Quelle: Gegen den sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen.
Ein Ratgeber für Mütter und Väter, herausgegeben von der AJS)

Was tue ich denn nun, wenn mein Kind missbraucht wurde ?
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